Beim Wort „Hierarchie“ rollen sich bei vielen die Zehennägel auf. Zu oft haben wir ihre weltliche Ausprägung erlebt – in Wirtschaft, Politik und Gemeinden: übersehen, übergangen, klein gehalten, fremdbestimmt. Wo standen wir in der Machtpyramide? Wie weit konnten wir uns „hocharbeiten“? Ich glaube nicht, dass das Reich Gottes so funktioniert, auch wenn viele es hierarchisch denken und so in die Schrift hineinlesen.

Die Natur zeigt uns ein anderes Bild. Sie ist kein System von Organisationen, sondern ein Organis- mus – ein lebendiges Zusammenspiel vom kleinsten Atom bis zum größten Stern. Eine höhere Ord- nung wirkt darin und verleiht ihr etwas, das keine Institution erzeugen kann: Leben. Unsere erste Berufung ist daher schlicht: leben.

Alles Leben beginnt keimhaft und wächst in einen Prozess von Reife hinein, bis es seine volle Kraft, Form und Wirksamkeit entfaltet. Das ist unsere zweite Berufung: Reife.


So gelangen wir zur Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes und werden – bild- lich gesprochen – zu erwachsenen Menschen. Wir sollen nicht unmündige Kinder bleiben, sondern im Maß der Fülle des Messias reif werden (Eph 4,13–14a).

Diese Verse beschreiben den Auftrag des fünffältigen Dienstes: die Gemeinde auf dem Weg zur Reife zu begleiten, bis geistliche Mündigkeit erreicht ist. Wo genügend Erwachsene vorhanden sind, wird dieser Dienst nicht dauerhaft, sondern nur noch punktuell benötigt.
Das passende irdische Bild ist die Familie. Eltern begleiten ihre Kinder vom Säugling bis ins Erwach- senenalter. Hier zeigt sich die göttliche „Hierarchie der Reife“: Mit jeder Entwicklungsstufe wachsen Freiheit, Verantwortung und Bewährung. Den Unterschied zwischen einem Fünf-, Zehn- und Fünf- zehnjährigen erkennen wir sofort. Einen Fünfjährigen lassen wir nicht auf das Mofa eines Fünfzehn- jährigen – das wäre verantwortungslos.
Wo Gemeinde diesem Modell lebendiger Reife nicht folgt, bleiben viele Gläubige unreif. Sie passen sich an das System an und verharren in geistlicher Unmündigkeit. Mehr wird von ihnen nicht erwar- tet. Der Glaube verkommt zu Äußerlichkeiten, während das Innere verkümmert.
Reife jedoch führt zur vierten Berufung: Frucht zu bringen – dreißig-, sechzig-, hundertfach. Reife Menschen können Jüngere im Glauben begleiten, weil sie den Weg selbst gegangen sind.
Mein Fazit: Eine infantilisierte oder verwaiste Gemeinde braucht geistliche Väter und Mütter.
Meine Frage an dich: Wie steht es um deine vier grundlegenden Berufungen? Wie schätzt du deine Reife ein? Hast du geistliche Väter und Mütter (gehabt)?
Das Dilemma des fünffältigen Dienstes ist offensichtlich. Er trifft auf eine tief bedürftige Gemeinde geistlich verwahrloster Kinder, die von ihm erwarten, was Gemeinde nicht geleistet hat. Soll er seine eigentliche Vision zurückstellen, um Elternersatz zu werden – oder ein Team reifer, mündiger Mitar- beiter finden, um größere Berufungen gemeinsam umzusetzen?
Meine Überzeugung: Ein Dienst wie der von Bianca ist keine Gemeinde im klassischen Sinn, sondern verfolgt eine höhere Vision. Diese erfordert Selbstlosigkeit, Hingabe und Leidensbereitschaft, um ein Stück Himmel auf Erden sichtbar zu machen. Solche Manifestationen – etwa eine „Arche“ – schaffen Raum, in dem Gemeinden ihre vier Berufungen sicher leben können. Daraus erwachsen mündige Arbeiter für weitere Dienste, sowie geistliche Väter und Mütter, die neue Gemeinden hervorbringen.

Thesen zur „Hierarchie der Reife“

  1. Hierarchie ist nicht per se böse, sondern wird problematisch, wenn sie machtzentriert statt lebenszentriert ist.

  2. Das Reich Gottes folgt keiner Macht-, sondern einer Reifeordnung.

  3. Die Schöpfung offenbart Gott nicht als Organisator, sondern als Urheber eines lebendigen

    Organismus.

  4. Leben ist die erste Berufung des Menschen.

  5. Reife ist die zweite Berufung – Leben entfaltet sich nur durch Wachstum und Entwicklung.

  6. Mündigkeit ist die dritte Berufung. Den Mündigen können die Gaben und Aufgaben des

    Reiches Gottes anvertraut werden.

  7. Frucht bringen ist die vierte Berufung. Dadurch wird der Vater verherrlicht.

  8. Geistliche Einheit entsteht nicht durch Struktur, sondern durch Reife.

  9. Ziel des Glaubens ist geistliche Mündigkeit, nicht lebenslange Abhängigkeit.

  10. Der fünffältige Dienst hat den Auftrag, Reife hervorzubringen – nicht Dauerabhängigkeit.

  11. Wo genügend geistlich Erwachsene vorhanden sind, wird der fünffältige Dienst entlastet

    und punktuell.

  12. Die Familie ist das irdische Urbild geistlicher Reifeführung.

  13. Mit wachsender Reife wachsen Freiheit, Rechte und Verantwortung.

  14. Unreife darf nicht mit Freiheit überfordert werden.

  15. Eine Gemeinde ohne Reifekultur produziert geistliche Unmündigkeit.

  16. Institutionalisierter Glaube begünstigt Anpassung statt Verwandlung.

  17. Reife ist Voraussetzung für Fruchtbarkeit.

  18. Nur Reife befähigt zur geistlichen Elternschaft.

  19. Eine unreife Gemeinde ist auf geistliche Väter und Mütter angewiesen.

  20. Der fünffältige Dienst steht vor der Entscheidung: Elternersatz oder Visionsträger.

  21. Große Berufungen erfordern reife, selbstständige Mitarbeiter – keine geistlichen Kinder.

  22. Visionäre Dienste sind nicht Gemeindeersatz, sondern Reiferäume für Gemeinde.

  23. Selbstlosigkeit und Leidensbereitschaft sind der Preis für geistliche Durchbrüche.

  24. Solche Durchbrüche schaffen sichere Räume für die vier Berufungen.

  25. Reife Gemeinden bringen reife Arbeiter hervor.

  26. Reife Arbeiter bringen neue Dienste sowie geistliche Familien hervor.

Der Autor Frank Krause schreibt für „Gottes Arche“ eine Serie von Beiträgen über das Thema „Reife. Es gibt sehr viele Bibelstellen zu diesem Thema, die von ARCHEologen beachtet werden wollen.
Der Autor: www.autor-frank-krause.de